Donnerstag, 19. März 2015

Vom Wald an den Laufsteg | Wer ist der Mann hinter FASHIONERS?

http://fashioners.de/pdf/fashioners_de_S42_16_03_15.pdf


Vom Wald an den Laufsteg | Wer ist der Mann hinter FASHIONERS?

„Neugier ist Entzücken“, sagte schon der englische Philosoph Walter Charleston. Und tatsächlich: neugierig zu sein und zu bleiben, macht das Leben bunter. Das gilt auch für Erfahrungen – man muss sie machen, um davon profitieren zu können. Dementsprechend bunt ist auch der Lebenslauf des Chefredakteurs von FASHIONERS, Tim von Lindenau. Einige seiner wichtigsten Erfahrungen machte er – im Wald. Heute dagegen ist er in der Mode, der Kreativität und der „beautiful people“ zuhause und fühlt sich in beiden Welten wohl. Im Interview spricht Tim von Lindenau über seine Erlebnisse… 

Tim, was macht FASHIONERS für Dich so besonders?
Für mich ist das FASHIONERS vor allem dadurch besonders, da wir durch unsere unkommerzielle Darstellung und das besonders kreative Layout das kommunizieren, was Mode wirklich ist: Mode ist gefühlte Kreativität. Sie bewegt uns alle – jeden Tag. Was mich am FASHIONERS motiviert, ist, dass wir mit unserem Magazin an einem überfüllten Wochentag Menschen inspirieren können und ihnen auf diesem Weg zu persönlichem Ausdruck und damit auch zu mehr Lebensfreude verhelfen können. Kritiker würden sagen, diese Lebensfreude sei oberflächlich. Aber was genau tragen SIE zu welchem Zweck? Ganz persönlich betrachtet ist das FASHIONERS für mich ein ganz wunderbarer Netzwerkknotenpunkt, um viele interessante Menschen kennenlernen zu können und nach Möglichkeit gemeinsam mit ihnen etwas Positives zu bewegen.

Was fasziniert Dich an der Mode?
Faszination? Ich habe als Jungspund Ende der 80er Jahre meine Klamotten umgenäht und auch eigene entworfen. Mit 13 Jahren machte ich in Köln Straßenmusik um mein Taschengeld aufzubessern – in selbst genähten Klamotten, um ein wenig aufzufallen. Das hat sich damals echt gelohnt. Ich hatte in vielen Phasen meines Lebens einen ganz eigenen Stil. Einen Stil, der fast unmöglich von der Stange herunter zu realisieren war. Auch heute, wo ich mich eher als spießig-gekleidet bezeichnen würde, finde ich selten das, was mir gefällt. Und genau das mag ich an Mode: Sie ist der Ausdruck der eigenen Individualität. Für viele und auch für mich etwas ganz Persönliches.

Hast Du eine modische Schwäche?
Wie beschreibst Du Deinen eigenen Stil? Ja sicher! Ich mag Hosen mit Bootcut. Röhren oder Möhren finde ich furchtbar. Ich trage auch nur Slim-fit – am Besten auf Taille geschnitten. Weite Kartoffelsäcke, wie sie in der Herrenmode weit verbreitet sind, kommen mir nicht auf den Leib. Klassische und zeitlose Schnitte sind für mich ein sicherer Garant für Stil. Auch Farbe und Stoff müssen stimmen. Bei der Wahl der Farben suche ich oft vergebens und ein hochwertiger Stoff hat eben auch seinen Preis.

Wo siehst Du FASHIONERS in einem und in fünf Jahren?
Für diese Antwort braucht es etwas Mut. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass wir in einem Jahr eine top eingespielte Redaktion mit einem beachtlichen Netzwerk und Kundenstamm haben. Die Anfänge des Magazins sprechen da deutlich für sich. Von der ersten Stunde an sprangen die besten Leute und Marken mit ins Boot, die man sich wünschen kann - und das in erstaunlich kurzer Zeit. In fünf Jahren werden wir, so die Welt nicht unter geht, ganz sicher all das erreicht haben, was sich ein Mode-Magazin erträumen kann. So viel zu mutigen Antworten.




Zu Deinem Lebenslauf gehört unter anderem auch, dass Du ein Jahr lang im Wald gelebt hast. Was war dazu Deine Motivation?
Ein Thema das mich nicht loslässt. Ich war Anfang 20 ein ziemlich erfolgreicher Jungunternehmer. In all der Arbeit und im Zweifel an dessen Hintergründen beschloss ich, mich erst einmal selbst vernünftig kennenzulernen und wenn möglich einen Blick hinter die Kulissen des Lebens zu wagen. Da man im Wald am ehesten die dazu nötige Ruhe findet, ließ ich alles zurück und wagte den Schritt, mich auf dieses verrückte Abenteuer einzulassen: allein im Wald ohne Dach, Fernseher und Käsebrot. Ich schreibe gerade an einem ziemlich kontrairen Buch, das den Wald und die gehobene Gesellschaft gegenüberstellt. Sicher gibt es darin, eine Menge zu diesem Thema zu lesen.

Welche Erkenntnisse hat diese Zeit für Dich persönlich gebracht – wie hat sie Dich verändert?
 Ich habe erfahren, dass die Welt wie wir sie in der Hektik des Alltags erleben, nur ein Bruchteil von dem ist, was sie wirklich ausmacht. Ich habe gelernt, dass in uns selbst Welten verborgen liegen, die wir im Treiben der gesellschaftlichen Zwänge nur schwer entdecken können. In allem steckt noch viel mehr als wir für möglich halten. Diese Erkenntnis hat mein Leben stark geprägt. Und die Erfahrungen, die ich auf meinen vielen Reisen gemacht habe, beeinflussen mein Handeln ganz erheblich. Nur ganz kurz: Wir alle müssen mehr Verantwortung übernehmen und wir müssen lernen uns unvoreingenommen für Neues, vielleicht auch für Vergangenes, zu öffnen.

Gibt es für Dich Parallelen zwischen dem Wald und der Welt der Mode?
Ganz sicher gibt es Parallelen zwischen dem Wald und unserer Gesellschaft. Mit Mode hat der Wald allerdings wenig gemein. Vielleicht habe ich bisher etwas übersehen, aber die wenigen, meist Umwelteinflüssen unterlegenen Trends im Wald, haben sicher nicht viel mit gemeinschaftlicher Kreativität zu tun – abgesehen von der Kreativität der Natur, die durch das grüne Kollektiv Muster und Farben zustande bringt, die nahezu unvergänglich schön sind.

Welchen ungewöhnlichen Lebenstraum möchtest Du Dir noch erfüllen? 
Ein Traumhaus direkt an der Küste als sichere Burg und Rückzugspunkt gehört wohl zu den Träumen, die ich als materiell bezeichnen würde. So ohne Nachbarn mit einem schönen kleinen Wald im Rücken. Später möchte (ach was sage ich) – werde ich, noch mehr schreiben und Wissen verwerten. Ich steh ungemein auf Ungewöhnliches und Spannendes aus aller Welt. Ich beschäftige mich gern mit unkonventionellen Blickwinkeln und fragwürdigen Fakten und Theorien. Ich denke diese Beschäftigung, verbunden mit Recherche-Reisen und Veröffentlichungen, reicht mir zum Träumen.

www.timvonlindenau.de


Interview: Andrea Abrell mit Tim von Lindenau
Fotografie: Claudio Di Lucia

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